Atominstitut
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2019-09-04 [

Angehörige des Atominstituts & der Fakultät für Physik

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Helmut Rauch - ein Nachruf

Die TU Wien, die Fakultät für Physik und das Atominstitut trauern um Professor Emeritus Dipl.-Ing. Dr.techn. Helmut Rauch.

Helmut Rauch bei der feierlichen Erhebung des Atominstituts in den Status einer "EPS Historic Site" im Mai 2019. Zu diesem Anlass wurde auch sein 80. Geburtstag gefeiert. | Foto: Nico Einsidler

Mit tiefer Betroffenheit mussten wir erfahren, dass Helmut Rauch am 2.9.2019, wenige Monate nach seinem 80. Geburtstag, nach kurzer schwerer Krankheit verstorben ist.

Helmut Rauch hat an der TU Wien Technische Physik studiert; sein Dissertationsstudium hat er 1965 am Atominstitut erfolgreich abgeschlossen. 1970 folgte seine Habilitation auf dem Gebiet der Neutronen- und Reaktorphysik; 1972 wurde er Professor für Experimentelle Kernphysik am Atominstitut, dem er in den Jahren 1972 bis 2005 vorstand. Neben überaus zahlreichen, kurzzeitigen Aufenthalten an internationalen Forschungsstätten verbrachte Helmut Rauch jeweils ein Jahr am Kernforschungszentrum Jülich und am ILL in Grenoble als Gastwissenschaftler. Helmut Rauch war seit 1979 korrespondierendes und seit 1990 Vollmitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), sowie Mitglied der Leopoldina und der Academia Europaea.

Helmut Rauch hat die österreichische und die internationale Wissenschaftsszene über eine Periode von fast 50 Jahren entscheidend belebt und geprägt. Über diesen langen Zeitraum hinweg konnte er mit seinen wissenschaftlichen Errungenschaften immer wieder nachhaltige Impulse setzen. Als bahnbrechend gilt bis heute die Entwicklung der Neutroneninterferometrie (1974, gemeinsam mit Ulrich Bonse und Wolfgang Treimer), mit der es erstmals möglich wurde, Materiewellen über makroskopische Distanzen von mehreren Zentimetern kohärent aufzuspalten und nach erfolgter Manipulation ihrer Wellenfunktionen wieder erfolgreich zu rekombinieren. Diese quantenphysikalische Meisterleistung, hat in der Folge zu einer Vielzahl von ebenso spektakulären Experimenten geführt, deren Aufzählung im Einzelnen hier unmöglich ist. Als Folge dieser bahnbrechenden Experimente wurde das Atominstitut fortan zum „Mekka“ dieser neuen Wissenschaftsdisziplin; dies war sicherlich auch ein maßgeblicher Grund dafür, dass das Atominstitut im Mai 2019 auf Beschluss der European Physical Society (EPS) zur EPS Historic Site wurde. Helmut Rauchs wissenschaftliches Oeuvre ist in mehreren Monographien und Buchbeiträgen und in mehr als 400 hochzitierten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zusammengefasst, die allesamt in renommierten internationalen Zeitschriften erschienen sind.  

Die Nachhaltigkeit von Helmut Rauchs wissenschaftlichem Werk für die internationale Wissenschaft wurde uns allen in einem Symposium („Quantum for ever“) vor Augen geführt, das im Mai dieses Jahres aus Anlass seines 80. Geburtstages am Atominstitut abgehalten wurde: Zahlreiche wissenschaftliche „Kinder“ und „Enkelkinder“ Helmut Rauchs konnten Zeugnis davon ablegen, in wie viele verschiedene Richtungen sich sein wissenschaftliches Vermächtnis über die Jahre entwickelt hatte. Viele seiner ehemaligen Weggefährten haben mittlerweile selbst herausragende wissenschaftliche Karrieren gemacht, sodass man heute auf internationalem Niveau mit Fug und Recht von einer „Schule“ Helmut Rauchs sprechen kann. Zahlreiche Absolventinnen und Absolventen haben später Beschäftigungen in Firmen, Konzernen und Unternehmen eingenommen, oft in führenden und leitenden Positionen, und haben damit physikalische Lösungsstrategien und Herangehensweisen der Schule Rauch in die Gesellschaft getragen.

All jene von uns, die in den Genuss kamen, mit Helmut Rauch zusammenzuarbeiten, können von seinem Enthusiasmus für die Wissenschaft berichten, seiner Neugierde, wie man noch Unbekanntes erforschen kann und von seinen visionären Ideen, die oft ihrer Zeit voraus waren. Dieses Feuer hat er bis zuletzt bewahrt: Helmut Rauch kam selbst im hohen Alter regelmäßig an das Institut, um dort aktiv Wissenschaft zu betreiben. Intellektueller Austausch war für ihn ein Geben und Nehmen: So wie er jederzeit bereit war, seine Gedanken und seine Expertise den nachfolgenden Generationen zur Verfügung zu stellen, so war er auch stets bereit, neue Ideen und Lösungsvorschläge jüngerer Kollegen vorbehaltlos und wertschätzend aufzunehmen.

Helmut Rauch hat sich aber auch wissenschaftspolitisch engagiert und in diesem Bereich Nachhaltiges hinterlassen: Er war von 1985 bis 1990 Vizepräsident und von 1991 bis 1994 Präsident des FWF und hat Österreich in zahlreichen Europäischen Wissenschaftsgremien vertreten (wie etwa dem Rat der European Science Foundation). Von den zahlreichen nationalen und internationalen Preisen, mit denen Helmut Rauchs herausragende wissenschaftliche Leistungen prämiert wurden, seien exemplarisch nur der Erwin Schrödinger Preis der ÖAW oder das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst angegeben. 

Mit Helmut Rauch verlieren wir nicht nur einen außergewöhnlichen Wissenschaftler, sondern auch einen ganz besonderen Menschen, der im Umgang mit seinem Gegenüber stets offen, bodenständig und pragmatisch war, egal ob es ein offizieller Empfang, eine Konferenz oder das Gespräch in den Werkstätten war. Jeglicher Dünkel war ihm fremd, hierarchische Strukturen haben ihn zeitlebens wenig gekümmert. Viele von uns erinnern sich noch schmunzelnd an zahlreiche Episoden, in denen Helmut Rauch seinen ausgeprägten Hang zum Non-Konformismus konsequent ausgelebt hat.

Das Atominstitut, die Fakultät für Physik, die TU Wien, aber auch die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft, die Helmut Rauch so nachhaltig geprägt hat, werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Hartmut Abele
Gerald Badurek
Joachim Burgdörfer
Gerhard Kahl
Jörg Schmiedmayer
Thorsten Schumm